Vor rund einem halben Jahr hat das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlicher Raum mit dem „Verkehrspaket I“ den Kurs für weniger Bürokratie, mehr Tempo und mehr Praxisnähe im hessischen Straßenbau gesetzt. Jetzt liegt das nächste greifbare Ergebnis auf dem Tisch: Die mit dem „Verkehrspaket I“ ins Leben gerufene Expertenkommission „Innovation im Straßenbau“ hat konkrete Empfehlungen vorgelegt, wie Planen und Bauen unserer Straßen einfacher, digitaler und ressourcenschonender werden kann.
„Die unmittelbare Zusammenarbeit mit den Expertinnen und Experten der Praxis hat sich bereits im Wohnungsbau bewährt. Mit diesem erfolgreichen Ansatz geben wir jetzt auch Impulse für den hessischen Straßenbau. Für mich ist klar, wir müssen den Straßenbau effizienter, nachhaltiger und wirtschaftlicher machen. Denn bei der Verkehrsinfrastruktur zeigt sich direkt und für jeden spürbar, ob der Staat funktioniert. Wenn Projekte jahrelang im Verfahren hängen bleiben, geht es nicht nur um Zeit und Geld, sondern um Vertrauen in Hessen: Vertrauen von Bauwirtschaft, von Unternehmen, von Bürgerinnen und Bürgern. Mehr Geld allein löst dieses Problem nicht. Ohne verlässliche Verfahren verpuffen Investitionen. Die Kommission liefert deshalb keine abstrakten Reformideen, sondern eine arbeitsfähige Grundlage“, sagte Wirtschafts- und Verkehrsminister Kaweh Mansoori bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Eckpunkte der Kommission.
Die Kernpunkte des Papiers drehen sich insbesondere um die Prozesse, wie Straßenbau heute organisiert ist. „Die Ergebnisse der Kommission zeigen: Der größte Bremsklotz liegt nicht im Bau selbst, sondern in den Verfahren – in Vergaben, Nachweisen, Abrechnungen und der praktischen Anwendung von Regelwerken“, so Kaweh Mansoori.
Die drei Pfeiler des Papiers „Prozesse und Digitalisierung“, „Bauvergabe und Bauvertragsangelegenheiten“ und „Recycling im Straßenbau und Verwendung alternativer Baustoffe“ wurden bei der Pressekonferenz von den jeweiligen Expertinnen und Experten für die einzelnen Bereiche Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer Bauindustrieverband Hessen-Thüringen e.V., Sylvia Hipfl-Träger, Abteilungsleiterin Zentrale Dienste bei Hessen Mobil und Daniel Imhäuser, Geschäftsführer des Baurecyclingunternehmens Blasius Schuster GmbH & Co. KG vorgestellt.
Das Wichtigste zu den Eckpunkten im Überblick:
Prozesse und Digitalisierung
- BIM-Anwendung im Alltag stärken: Es wird ein Runder Tisch „BIM“ (Building Information Modeling) mit den für die Einführung der BIM-Methodik verantwortlichen Akteuren eingerichtet und der Austausch aller Beteiligten inklusive der Straßenbauämter gefördert. BIM ist eine digitale Methode, mit der ein Bauwerk zuerst als genaues virtuelles Modell geplant wird. In diesem 3D‑Modell werden alle wichtigen Informationen gesammelt – etwa zu Bauteilen, Kosten und Terminen – und von allen Beteiligten gemeinsam genutzt. So sehen alle immer den gleichen Stand, Fehler können früher erkannt, und Planung, Bau und späterer Betrieb eines Projekts laufen übersichtlicher und effizienter ab. Für kleinere Städte und Gemeinden, die bislang kaum Berührungspunkte mit der BIM-Thematik hatten sowie für kleinere Bauunternehmen, wird ein niederschwelliges Angebot regional und online in Form eines Grundlagenseminars für BIM geschaffen.
- Digitale Datenbereitstellung: Die umfassende digitale Bereitstellung von Projektunterlagen in bearbeitbaren Datenformaten bereits im Vergabeverfahren soll im Rahmen von Pilotprojekten bei Bauwerken erprobt werden.
Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer Bauindustrieverband Hessen-Thüringen e.V.: „Die Digitalisierung bietet auch für den Straßenbau große Chancen, um Effizienzen zu heben. Alle Beteiligten müssen dazu ihre Kompetenz einbringen. Die Landesregierung hat mit der Kommission dafür ein ideales Format geschaffen, jetzt geht es an die Umsetzung.“
Bauvergabe und Bauvertragsangelegenheiten
- Verschlankung der Vergabeunterlagen: Unter Beibehaltung des Qualitätsniveaus werden Formulare und Nachweise im Vergabeverfahren reduziert und zusammengefasst. Bei einer Anzahl von 400 Landes- und Kreismaßnahmen führt die Reduzierung und Veränderung der Unterlagen zu Aufwands- und Zeitersparnis beim Bietenden wie bei den Auftraggebern.
- Funktionale Ausschreibung: Hessen Mobil wird verstärkt die Ausschreibung von Bauleistungen im Bereich Bauwerke (zunächst beim Brückenbau) als funktionale Ausschreibung durch Zusammenführung von Planungs- und Bauleistungen nutzen. Eine funktionale Ausschreibung ist ein Vergabeverfahren, bei dem der Auftraggeber nicht jedes Detail der auszuführenden Arbeiten vorgibt, sondern vor allem das Ziel bzw. die Funktion beschreibt, die am Ende erreicht werden soll. Statt eines langen Leistungsverzeichnisses steht also die Frage im Mittelpunkt: „Was soll das Bauwerk können?“
Sylvia Hipfl-Träger, Abteilungsleiterin Zentrale Dienste bei Hessen Mobil: „Die Arbeitsgruppe 2 hat es sich zum Ziel gesetzt, den Aufwand für die Ausschreibung, die Vergabe und Durchführung von Maßnahmen zu reduzieren – für die Unternehmen und die Auftraggeber. Hierfür wurden Regelwerke, Vergabeverfahren und Prozesse der Bauabwicklung auf den Prüfstand gestellt und gezielt weiterentwickelt oder reduziert.“
Recycling im Straßenbau und Verwendung alternativer Baustoffe
- Vereinfachung der Wiederverwendung von Materialien auf Baustellen: Die Herstellung von Asphalt und anderen Baumaterialien ist extrem energie- und ressourcenintensiv. Gleichzeitig ist das Abbruchmaterial – etwa beim Abriss einer Brücke – eine Herausforderung für die ohnehin knappen Deponiekapazitäten. Ziel ist es, die Wiederverwendung von Materialien direkt auf der Baustelle auszuweiten, die Wiederverwendungsquote zu erhöhen und Massentransporte zu verringern – mit einer entsprechend geringeren CO2-Belastung für die Umwelt.
- Vereinfachung der Anwendung der Ersatzbaustoffverordnung: Ob und wie Ersatzbaustoffe im Straßen- und Brückenbau eingesetzt werden können, hängt stark davon ab, wie hoch das Grundwasser steht und wie die Bodenschichten darüber aufgebaut sind. Bisher braucht man dafür auf jeder einzelnen Baustelle umfangreiche Gutachten. Künftig wollen wir vorhandene Daten bündeln und eine praktische Arbeitshilfe bereitstellen, mit der sich die Situation vor Ort einfacher beurteilen lässt. Außerdem sorgen wir für klare Vorgaben, damit die Regeln zur Verwendung von Ersatzbaustoffen in ganz Hessen einheitlich angewendet werden. Auf Bundesebene wird sich Hessen dafür einsetzen, unnötige Dokumentationspflichten abzubauen und die vorgeschriebenen Untersuchungen einfacher zu machen.
Daniel Imhäuser, Geschäftsführer bei Blasius Schuster GmbH & Co. KG: „Hessen zeigt mit diesen Vorschlägen, wie der Infrastrukturbau vom Recycling profitiert. Wenn wir Recyclingbaustoffe konsequent einsetzen, sparen wir Rohstoffe, CO2 und am Ende auch Kosten – bei vergleichbarer technischer Qualität. Die geplanten Schulungen für die Verantwortlichen von öffentlichen Baumaßnahmen sind wichtig, damit Recyclingmaterial rechtssicher und selbstverständlich eingesetzt wird. So kann Hessen bundesweit eine Vorreiterrolle für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft einnehmen.“